Tage des offenen Bodens, Zweite Ausgabe: Böden & Kompost

Kuratiert von Martina Kolarek

(C) Katharina Geist

(C) Katharina Geist

(C) Katharina Geist

(C) Katharina Geist

(C) Katharina Geist

(C) Katharina Geist

(C) Katharina Geist

(C) Katharina Geist

(C) Katharina Geist

(C) Katharina Geist

1/10

ERDE BAUEN, WERDEN, SEIN

von Martina Kolarek

Wir alle sind Kompost (Donna Haraway)

 

Nur offene, mit der Atmosphäre, den Gewässern und den Ausgangsgesteinen in Verbindung stehende Böden sind die Grundlage für alles Leben auf und in unserer Erde. Wer seine Garten- und Küchenreste selbst kompostiert, schafft neue Lebensräume für Bodenorganismen und fördert damit die Artenvielfalt in seiner Umgebung, egal, ob in der Stadt, auf dem Land oder im eigenen Garten.

Kompostierende Reste sind Nahrung und Heimat für eine große Vielfalt an Pflanzen, Tieren und Mikroben, die meisten von ihnen unbekannt, sogar den Expert:innen. Wir kompostieren unsere Garten- und Küchenreste mitten in Berlin – am Rande der verbauten Flächen des Tempelhofer Flughafens – um die Biodiversität und die Wasserspeicherung in den offenen Böden rund um das Regenrückhaltebecken zu erhöhen. Um die Kompostierung als kollektive und körperliche Erfahrung in der Floating University zu etablieren, baute DIE BODEN SCHAFFT mit jungen Architekt:innen im letzten Jahr eine Kompoststation zum Sammeln, Mischen und Verweilen. Die Einrichtung bestehend aus mobilen und belüfteten Sammelbehältern, einer Betonmischmaschine und einer Schuttrut¬sche symbolisiert, dass es ihr dabei nicht um die schnelle und kostengünstige Entsorgung von Bioabfällen, sondern um nachhaltige Wohnkonzepte und essbare Behausungen für unsere nicht-menschlichen Mitbewohner:innen geht.

Open Soil Days sind Feiertage für offene Böden im Spannungsfeld zwischen Natur und Kultur. An unseren 2. Tagen des offenen Bodens bauen wir gemeinsam einen Heißkomposthaufen auf und beobachten, wie er sich allein durch die Kraft der Bodenorganismen innerhalb kürzester Zeit erwärmt und zu fruchtbarer Erde umwandelt. Die freie Künstlerin Anja Fiedler und Studierende der Fachklasse für neue Medien von Agnes Meyer-Brandis zeigen uns physische Wege auf, Erde zu werden, indem sie zum Beispiel den Kopf in den Kompost stecken oder Erde essen. Wie es ist, Erde zu sein, erkunden wir mit dem Philosophen und Biologen Andreas Weber, dem zufolge das Geheimnis der Verbundenheit aller Lebewesen in der Erde selbst liegt. Zum Abschluss stellen wir die Handlungen vor, die nötig sind, um einen Heißkomposthaufen aufzubauen und sich mit dem Ort und seinen vielfältigen Lebewesen zu verbinden.

Der Tag endet wie jeder gute Komposttag: in guter Gesellschaft mit kalten Getränken!

Programm

  • Alle Angebote sind kostenlos, Spenden nehmen wir gerne entgegen.
  • Sprachen: Andreas Weber und Martina Kolarek (Englisch), Anja Fiedler (Deutsch)
  • Alle Kulturen, Körper und Bildungen sind willkommen!

Registrierung

Bitte sende Deine E-mail an open-soil-days-2023@googlegroups.com und schreibe uns, an welcher Veranstaltung Du gerne teilnehmen möchtest.

Wir haben viel Platz für Menschen, aber es gibt begrenzte Plätze für bestimmte Angebote. Wir werden Dich bis 28. August informieren, sobald eine Veranstaltung überfüllt ist. Bitte melde Dich vorher ab, wenn Du nicht teilnehmen kannst, damit wir den Platz anderen zur Verfügung stellen können. Danke!

29. August, Erde bauen

Die Heißkompostierung als kollektive Erfahrung
14-19h, Kompoststation, Workshop

Damit der Kompost am 2. September auch wirklich heiß ist, bauen wir ein paar Tage zuvor einen großen Komposthaufen auf. Bei der biologischen Heißkompostierung handelt es sich um ein Jahrhunderte altes, von Frauen über Generationen mündlich weitergegebenes und weltweit angewandtes Verfahren, das in Deutschland erstmals von gelehrten Nonnen niedergeschrieben wurde. Im Gegensatz zu den heute gebauten Vergärungs-, Pyrolyse- oder Verbrennungsanlagen für Bioabfälle ist es auch für nachfolgende Generationen geeignet, denn es bremst den Klimawandel, hält die Gewässer sauber und fördert die Artenvielfalt.

Martina Kolarek is a feminist and intercultural biochemist, soil scientist, author and artist. She studied Applied Ecology at the University of Natural Resources and Life Sciences and has been working on soils, compost and compostable materials for over 25 years. In 2014 she founded DIE BODEN SCHAFFT as a transdisciplinary platform for a new soil culture and science. In 2018, she published her book Kompostieren!, a richly illustrated guide to organic hot composting.
die-boden-schafft.de

2. September, Erde werden

Assel, Springschwanz und Torfpralinen: eine köstliche Reise in die Erde
14, 17 und 18h (30 min), Sportshall, Workshop

Anja taucht mit Euch in die Welt des Kompostes ein: Wer lebt dort? Wie fühlt es sich an, 4, 6, oder 8 Beine zu haben? Wie lebt es sich dort? Und was brauchen die Kompostbewohner:innen zum Wohlfühlen? Welche Delikatessen gibt es dort für Krabbeltiere? Danach machen wir eine Delikatesse für uns: Torfpralinen! Torf ist eine ganz andere Erde als Kompost. Er besteht aus über 350 Pflanzen, die im Moor erhalten blieben, weil Bodenorganismen dort ohne Luft nicht überleben können. Lasst Euch überraschen wie gut das schmeckt!

Anja Fiedler ist Sustainable Food Art Künstlerin und schafft mit ihren Kunstaktionen „Stadt macht satt” und „Apfelschätze“ neue Beziehungen zwischen Städtern und ihrem Essen. Sie arbeitet meist mit vermeintlich “Wert”-losen, jedoch essenziellen Lebensressourcen. In Form von Bildungsformaten, Stadtspazier-Essen oder Installationen | Aktionen, schafft sie partizipative Prozesse in denen jede/r Lebens-Mittel neu be-Werten kann. Ihre Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet.
anja-fiedler.de stadtmachtsatt.de apfelschaetze.de

Kompost & Kosmos
15-20h, Urban Forest, Ausstellung

Wir präsentieren ausgewählte Werke von Studierenden der Fachklasse Neue Medien von Agnes Meyer-Brandis an der Universität der Künste Berlin, die sich im Sommersemester 2023 nicht nur theoretisch und digital, sondern auch ganz praktisch und physisch mit der Herstellung und Erforschung von Kompost & Kosmos auseinandergesetzt haben.

Philippe Hansen: Ich denke gerne, dass ich jeden Kosmos verstehen kann, wenn ich ihn sehr nah beobachte
Fotoprint der Performance am 16.5.2023 in der Floating University
Beschreibung: 5 min, sehr körperliche Erfahrung

Richard Ley: Wie sich selbst kompostieren
Plastikkomposter, organisches Material, historischer Film
Beschreibung: die Vorstellung von einem separaten Selbst zu überwinden und die ökologische Verwandtschaft anzunehmen, die uns mit der Erde und all ihren Tieren und Lebewesen verbindet

Agnes Meyer-Brandis ist eine in Berlin lebende Künstlerin und Gastprofessorin an der Universität der Künste Berlin. Mit einem Hintergrund in Bildhauerei und neuen Medien schafft sie Werke an den Rändern von Wissenschaft, Fiktion und Fantasie. Nach einer Ausbildung in Mineralogie und einem Studium an den Kunstakademien in Maastricht, Düsseldorf und Köln gründete sie das Forschungsfloß, ein fiktives Institut für Kunst und subjektive Wissenschaft. Meyer-Brandis‘ Arbeiten wurden weltweit ausgestellt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
ffur.de onetreeid.de urbantrees.net teawithatree.com

2. September, Erde werden

Erde sein. Ein Humanismus der Teilhabe
16-19h, Auditorium, Lesung, Workshop

Unsere Zivilisation tut sich schwer damit, eine Idee der Teilhabe in der lebendigen Biosphäre zu entwickeln. Der westliche Mainstream versteht Individualität als Getrenntsein und nicht als Entfaltung des Ganzen. In diesem Vortrag möchte ich Wege aufzeigen, wie wir unsere Existenz als Teil eines blühenden Ganzen in unserer Erfahrung finden können. Unser Körper steht bereits in ständiger Verbindung mit allen anderen lebenden Körpern, mit den Gewässern und mit den Mineralien des Planeten. Auch emotional erleben wir uns als verwoben in ein lebendiges Ganzes. Nur unsere Mainstream-Kultur trägt diesen Tatsachen nicht Rechnung. Es ist daher wichtig, sich daran zu erinnern, dass die Erde ein Körper ist, an dem wir ständig teilhaben. Die Erde ist das Geheimnis der Individualität durch Verbundenheit. Als Gaia ist sie eine Biosphäre, die von allen Wesen geteilt wird. Diese Wesen – wie wir selbst – sind letztlich Teil eines unendlichen, lebendigen Schwarms, des „Fleisches der Welt“ (Maurice Merleau-Ponty).

Andreas Weber ist Biologe, Philosoph und Autor und arbeitet an der Neubewertung unseres Verständnisses vom Lebendigen. Er schlägt vor, alle Organismen als Subjekte zu betrachten und zu behandeln, und die Biosphäre als sinnstiftende und poetische Realität. Andreas unterrichtet an der Universität der Künste Berlin, am Bard College Berlin und ist Gastprofessor an der UNISG, Pollenzo, Italien. Er schreibt für große deutsche Zeitungen und Zeitschriften und hat mehr als ein Dutzend Bücher veröffentlicht, zuletzt Enlivenment. A Poetics for the Anthropocene, MIT Press, 2019 und Sharing Life. The Ecopolitics of Reciprocity, Boell Foundation, 2020.
biologyofwonder.org

Bau mir ein Land auf Sand
19:30-20h, Kompoststation, Performance

Rituale sind Handlungen, die fest in unseren Alltag integriert sind und dabei helfen sollen, unsere Gedanken auf jene Dinge zu richten, die wirklich wichtig sind. Rituale geben uns die Möglichkeit, mit unseren Körpern einer bestimmten Dramaturgie und Rhythmik zu folgen, die sich erst durch die eigene Teilnahme, das aktive Tun und Handeln im gemeinsamen Prozess, erschließt. In dieser rituellen Tanz- und Gesangsperformance stellen wir jene repetitiven Handlungen vor, die nötig sind, um an der Floating University einen Heißkompost aufzubauen und sich mit dem Ort und seinen Bewohner:innen zu verbinden; als Voraussetzung dafür, lebendige Beziehungen einzugehen und mit etwas Übung, Erde zu sein.

Martina Kolarek ist eine feministische und interkulturelle Biochemikerin, Bodenwissenschaftlerin, Autorin und Künstlerin. Sie studierte Angewandte Ökologie an der Universität für Bodenkultur und beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit Böden, Kompost und kompostierbaren Materialien. Im Jahr 2014 gründete sie DIE BODEN SCHAFFT als transdisziplinäre Plattform für eine neue Bodenkultur und Wissenschaft. Im Jahr 2015 komponierte sie den Song „Der Reigen“, der als Grundlage für die Tanzperformance dient.
die-boden-schafft.de
In Kooperation mit:
KunstKartell ist ein gemeinnütziger, interdisziplinärer Verein und verbindet Kunstschaffende verschiedenster Bereiche, die einen gesellschaftspolitischen Anspruch an ihre Werke teilen. KunstKartell steht für interdisziplinäre Zusammenarbeit, Vernetzung, Ressourcenaustausch und ein solidarisches Miteinander. Tänzer:innen: Alena Trapp, Luis Stängl und Camille Larroque
kunstkartell.de
Heike Ebner is a Berlin artist, who produces workwear for craftspeople and fashion from sustainable fabrics with her label FLORINDA SCHNITZEL. She designed the first composting suit and sewed it from compostable fabrics.
florindaschnitzel.de

2. September, Erde feiern

Floating Get Together
19-22h

Unsere Bar in der Floating University öffnet normalerweise nur an Donnerstagen, den berüchtigten Thirsty Thursdays. Aber für besondere Anlasse sperrt Hannah Lu und ihr Team auch an anderen Tagen auf. Wir freuen uns drauf!

Kuration: Martina Kolarek
Illustration: Jade Dreyfuss
Photographie: Katharina Geist
Grafik- und Web-Design: Roman Karrer
Assistenz: Fotini Takirdiki
Produktion: Ute Lindenbeck
Künstler:innen: Agnes Meyer-Brandis, Andreas Weber, Anja Fiedler, Alena Trapp, Camille Larroque, Heike Ebner, Luis Stängl, Martina Kolarek, Philippe Hansen, Richard Ley
Architektur & Räumliche Experimente: Floating University: Felix Wierschbitzki, Florian Stirnemann, Jeanne Astrup-Chauvaux, Lorenz Kuschnig, Martina Kolarek
Kollektiver Bau der Kompoststation: Alissia Hoffmann, Anna Szczepaniak, Antonia Lembcke, Cecilia Buffa, Corinna Studier, Jade Dreyfuss, Jeanne Astrup-Chauvaux, Jona Möller, Jonathan Heck, Kean Koschany, Lena Löhnert, Leonard Strübin, Lilli Hanada, Martina Kolarek, Mathilde Dewavrin, Milan Van Belle, Sandra Revuelta
Die 2. Tage des offenen Bodens sind Teil des Projektes “Natureculture Strategies”, gefördert von der Spartenoffenen Förderung für Festivals und Reihen der Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Die Kompoststation, das Kompostritual, die Holztafeln und die Kompostkluft wurden von der Deutschen Postcode Lotterie gefördert.

Repositorium