Verdeckte Fäden

Geschichte(n) am Tempelhofer Feld und Textiler Aktivismus

Verdeckte Fäden Offene Werkstatt | (c) Constanze Flamme

Das Projekt „Verdeckte Fäden“ widmet sich einem weitgehend verdrängten Kapitel Berliner Geschichte: dem KZ Columbia und den großen Lagern für Zwangsarbeiter*innen auf dem heutigen Tempelhofer Feld. Durch Zerstörung, Flughafennutzung und die anhaltende Diskussion um eine Bebauung wurden historische Spuren ausgelöscht und ein kollektives Gedenken verhindert.

Das Projekt versteht diese Leerstelle als historischen und gesellschaftlichen Auftrag. In einem partizipativen Prozess verknüpfen wir Geschichten von individuellen Schicksalen mit gemeinschaftlicher Erinnerung und künstlerischem Ausdruck. Aufbauend auf ersten Recherchen laden wir Nachbar*innen und Initiativen ein, Objekte, Geschichten und Bilder zum Tempelhofer Feld zu teilen. Gemeinsam mit Künstler*innen der Thikwa-Werkstätten, ukrainischen Familien aus der Gemeinschaftsunterkunft Columbiadamm und den Künstlerinnen von Kollektiv Sticken entstehen erste textile Arbeiten, die auf diese Fundstücke reagieren. So fließen textile Traditionen und Handwerkstechniken aus unterschiedlichen Kontexten in die Arbeit ein.

In weiteren offenen Werkstätten in der Floating University werden Geschichten und Textiltechniken weitergegeben und individuelle Collagen gefertigt.

Schließlich werden die Werke im September 2026 auf dem Tempelhofer Feld präsentiert. Sie bleiben als permanente Installation in der Floating University verankert – als Ort des Gedenkens, des Zuhörens und des stellens weiterer Fragen in Solidarität.

 


 

Offener Workshop:

Donnerstag, 10. September | 16 – 19 Uhr
Floating University

Projektpräsentation:

Freitag, 11. September | 14 – 16 Uhr
Floating University and Tempelhofer Feld

 

Standort Projektvorstellung Tempelhofer Feld


Hier findet Ihr eine Einleitung in Ukrainisch, aufgenommen von Yevheniia Perutska:

Запрошення до участі та опис проєкту українською Ви можете знайти тут:

Hier findest Du die Einleitung als Text zum Herunterladen auf Ukrainisch, Englisch und Deutsch.

Українська Introduction English Einleitung Deutsch

Phase 1: Suche nach Spuren

Verdeckte Fäden von Zwangsarbeit und dem KZ Columbia in der Nachbarschaft

Tour mit den Thikwa Künstler*innen zum Tempelhofer Feld und in den Keller der Bockbrauerei

Auf dem Weg zum ehemaligen Standort des KZ Columbia kamen wir an der Polizeidirektion 5 vorbei. Die Häuser und das Gelände gehörten einst zum Grenadierregiment der Königin-Augusta-Garde. Zu dem Regiment gehörte auch ein Militärgefängnis, das zu Beginn der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten dazu diente, politische Gegner zu inhaftieren und einzuschüchtern, mit dem Einsatz unterschiedlicher brutaler Foltermethoden. Das Gefängnis wurde 1934 unter Leitung der SS als KZ Columbia eröffnet und bis zur Schließung 1936 waren hier mehr als 1000 Männer inhaftiert. Für den Bau des neuen Flughafens wurde das Gebäude abgerissen und über die Jahrzehnte vergessen. Heute erinnern zwei künstlerische Arbeiten an den Schreckensort. Eine Skulptur von Georg Seibert aus Edelroststahl in Form eines Hauses zeichnet die beengten Zellen nach. Näher am eigentlichen Standort des KZ zeigt das Erinnerungszeichen von Martin Bennis und Weidler Händle Atelier in Form einer mit Ziegelsteinen geformten Schrift an „NICHT MEHR ZU SEHEN“ Damit thematisiert der Architekt auch den Umgang mit dem KZ Columbia, über das jahrelang geschwiegen wurde.

Zurück in der Bockbrauerei in der Fidicinstraße hatten wir Dank der Wohnungsbaugenossenschaft „Am Ostseeplatz eG“ die Möglichkeit, den Keller der Bockbrauerei zu besuchen.
1944 wurde der Gewölbekeller mit einer 2 Meter dicken Betondecke überzogen und so gegen Luftangriffe gesichert. Im November bezog die Telefunken AG aus dem Wedding die Räume und richtete eine Produktionsstätte für Elektronenröhren ein, die in Funkgeräten und Steuerungseinrichtungen für Raketen eingesetzt wurden. In den Kellern arbeiteten bis zu 500 Menschen im Schichtsystem, unter ihnen viele Zwangsarbeiter*innen aus den besetzten Gebieten der ehemaligen Sowjetunion.
Im ZUge eines Neubauprojekts sollte der Gewölbekeller einer Parkgarage weichen. Die Bürgerinitiative WEM GEHÖRT KREUZBERG informierte die Öffentlichkeit über die Abrisspläne und erreichte zusammen mit der Landesdenkmalbehörde, dass die Keller 2017 unter Schutz gestellt wurden.

Keller der ehemaligen Bockbrauerei | (c) Vincent Martinez

Keller der ehemaligen Bockbrauerei | (c) Vincent Martinez

Keller der ehemaligen Bockbrauerei | (c) Vincent Martinez

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Den Künstler Vincent Martinez inspirierte die Besichtigung des Kellers zu einer Reihe von Übermalungen, die wir hier zeigen. Schon seit längerem beschäftigt sich Martinez mit Schutzräumen und Warnanlagen in Berlin, und stellt angesichts der aktuellen wachsenden Bedrohung das Schutzkonzept in Frage.

Phase 2: Austausch und Diskussion

Zwangsarbeit und dem KZ Columbia durch Sticken als kollektive Praxis

… mit Künstler:innen der Thikwa Werkstatt für Theater und Kunst

Verdeckte Fäden Thikwa Workshop | (c) Sebastian Díaz de León

Verdeckte Fäden Thikwa Workshop | (c) Sebastian Díaz de León

Verdeckte Fäden Thikwa Workshop | (c) Sebastian Díaz de León

Verdeckte Fäden Thikwa Workshop | (c) Sebastian Díaz de León

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…in öffentlichen Workshops

Verdeckte Fäden Offene Werkstatt | (c) Constanze Flamme

Verdeckte Fäden Offene Werkstatt | (c) Constanze Flamme

Verdeckte Fäden Offene Werkstatt | (c) Constanze Flamme

Verdeckte Fäden Offene Werkstatt | (c) Constanze Flamme

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…in der Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete auf dem Tempelhofer Feld

Verdeckte Fäden GU Columbiadamm Workshop | (c) Silja Teresa Huppertz

Verdeckte Fäden GU Columbiadamm Workshop | (c) Maryna Markova

Verdeckte Fäden GU Columbiadamm Workshop | (c) Maryna Markova

Verdeckte Fäden GU Columbiadamm Workshop | (c) Maryna Markova

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In den Workshop teilten Silja Teresa Huppertz und Ute Lindenbeck zunächst zentrale Erkenntnisse aus ihrer Recherche zur Geschichte von Zwangsarbeit in Berlin. Die Dimension der Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus ist enorm: Ab 1942 wurden in Berlin bis 500 000 Menschen zur Arbeit gezwungen. Auf dem Stadtgebiet gab es ca. 3.000 Lager und Wohnbaracken. Diese Geschichte wurde nach 1945 lange kaum aufgearbeitet. Erst ab den 1980er Jahren entstanden – häufig auf Initiative von Bürger*innen – erste umfassendere Formen der Erinnerung. Die Aufarbeitung wurde und wird bis heute auch verzögert, um Entschädigungszahlungen zu umgehen.

Auch die Kontinuitäten der Begriffe, also wie über Migration und Arbeit gesprochen wird, überraschte. Die Nationalsozialisten bezeichneten Zwangsarbeiterinnen als „Fremdarbeiter*innen“ und verschleierten damit den gewaltsamen Charakter ihrer Ausbeutung. Der Begriff blieb auch nach 1945 erhalten und wurde in den 1960er Jahren zunehmend durch „Gastarbeiter*innen“ ersetzt. Heute ist die Rede von „Ausländischen Arbeitskräften“. Die Frage ist, welche Vorstellungen von Zugehörigkeit, Arbeit und zeitlich begrenztem Aufenthalt sich in diesen Begriffen bis heute fortsetzen.

Die Beschäftigung mit dem KZ Columbia zeigte, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus bereits während der NS-Zeit bekannt gemacht wurden. So veröffentlichte der Journalist Berthold Jacob bereits 1936 die Anthologie „Warum schweigt die Welt ?“ in Paris und dokumentierte damit die brutalen Haftbedingungen und Foltermethoden im Columbiahaus. Eine breite gesellschaftliche Reaktion blieb leider aus.

Eine zentrale Erkenntnis des Workshops war, dass es bis heute an Orten und Formaten fehlt, an denen unterschiedliche Erfahrungen von Krieg, Migration und Arbeit ausgetauscht werden können. Das gemeinsame Sticken erwies sich als hilfreiche Form: Während die Hände beschäftigt sind, können Gedanken ausgesprochen werden, ohne dass unmittelbar auf sie reagiert oder widersprochen werden muss. Erfahrungen aus unterschiedlichen Ländern und Generationen konnten sich miteinander verbinden und wurden buchstäblich in ein gemeinsames Gewebe eingearbeitet.

Für die ukrainischen Teilnehmerinnen hat die Geschichte der Zwangsarbeit eine besondere emotionale Bedeutung. Die Erinnerungen an Verschleppung und Zwangsarbeit sind in vielen ukrainischen Familien bis heute präsent. In Deutschland gibt es zwar Institutionen und Gedenkorte, aber vielfach fehlt eine persönliche und familiäre Verbindung.

Dabei eröffnet der Blick in die Vergangenheit eine Perspektive auf die Gegenwart. Viele ukrainische Frauen, die heute in Deutschland leben, arbeiten trotz guter Ausbildung in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Die historische Auseinandersetzung mit Zwangsarbeit wurde deshalb zum Ausgangspunkt für Fragen nach der Verteilung und Anerkennung von Arbeit, nach Migration und gesellschaftlicher Teilhabe.

Recherche

Ausstellungen, die wir besucht haben und empfehlen

Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit
Britzer Straße 5 | 12439 Berlin

Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin erinnert an das Schicksal der über 13 Millionen Männer, Frauen und Kinder, die während des Zweiten Weltkriegs im Deutschen Reich als Zwangsarbeiter:innen ausgebeutet wurden. Es befindet sich am historischen Ort eines fast vollständig erhaltenen Zwangsarbeitslagers.

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Dokumentationszentrum Topographie des Terrors

Niederkirchnerstraße 8 | 10963 Berlin

Zwischen 1933 und 1945 befand sich an der Stelle des heutigen Dokumentationszentrums „Topographie des Terrors“ das Hauptquartier des nationalsozialistischen Sicherheits- und Überwachungsapparats. Im Jahr 1933 ließ die Geheime Staatspolizei im Keller des Südflügels der Kunstgewerbeschule ein „Hausgefängnis“ errichten, das in erster Linie für politische Gefangene bestimmt war. Insgesamt durchliefen rund 15.000 Gefangene dieses Gefängnis, und in den Gestapo-Büros kam es regelmäßig zu Folter.

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Gedenkstätte des SA Gefängnisses Papestraße
Werner-Voß-Damm 54 a | 12101 Berlin

Der Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße ist der einzige historische Ort des frühen NS-Terrors in Berlin, in welchem sich noch Spuren aus dem Jahr 1933 finden lassen. In dem ursprünglich für die Preußischen Eisenbahn­regimenter erbauten Kasernen­gebäude befand sich von März bis Dezember 1933 ein frühes Konzentration­slager unter Führung der SA.

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Kiez Aktiv: Bockbrauerei
Bockbrauerei | Fidicinstraße 3 | 10965 Berlin

Im Keller der ehemaligen Bock-Brauerei setzte die Telefunken AG zwischen Dezember 1944 und April 1945 Zwangsarbeiter in ihrer Rüstungsfabrik ein, um Elektronenröhren für das Militär herzustellen. Die Initiative organisiert historische Führungen durch den Keller.

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THF Tower: Lufthansa. Berlin-Tempelhof 1926–1945
THF TOWER | Tempelhofer Damm 45 | 12101 Berlin

Die Ausstellung „Lufthansa. Berlin-Tempelhof 1926–1945. Zwischen ziviler und militärischer Luftfahrt“ beleuchtet die Geschichte der Lufthansa an ihrem ehemaligen Heimatflughafen von 1926 bis 1945 und wirft einen kritischen Blick auf die Anfangsjahre des Unternehmens. Im Mittelpunkt stehen die komplexen Verflechtungen zwischen Luftfahrt, Staat, Industrie und Militär, einschließlich des Einsatzes von Zwangsarbeitern am Flughafen Tempelhof.

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